Reflexion

Vor genau zwei Jahren bin ich erstmals nach Marokko gekommen. Ich erinnere mich an die Zugfahrt vom Flughafen Casablanca nach Marrakesch…. Ich saß mit einer Familie im Zugabteil, die mir alles bisherige Denken über den Islam und Frauen in der arabischen Welt mit einem Mal gelöscht hat… Die junge Mutter, die bis auf die Augen verschleiert war, hatte hier eindeutig das Sagen, was ihren geschäftigen Telefonaten und dem Kommando an ihren Mann zu entnehmen war… die beiden Kinder – wohl erzogen -folgten ebenfalls ihren Befehlen und waren unglaublich höflich im Umgang mit mir und anderen Reisenden. Schließlich haben wir die Fahrt mit viel Gelächter und gemeinsamen Chipsessen verbracht. Als die Familie den Zug verlässt, winken sie mir noch alle vier in mein Abteil herein…

Diese Zugfahrt habe ich nie vergessen. Sie war die Reise in ein neues Leben.

Wenn ich zurückblicke, was sich seither getan hat, kann ich selbst nur staunen… diese Zeit hier in Marokko war wie ein Rausch, dem sich eins nach dem anderen wie von selbst entfaltet hat.

So habe ich mein Forschungsprojekt samt Masterarbeit über Marokko und seine weggelegten Kinder gemacht und geschrieben und bin damit tief in die Kultur und Traditionen des Landes und seiner Menschen eingetaucht….

Dabei habe ich gelernt, Kultur nicht mehr verstehen zu wollen, sondern vielmehr anzunehmen. Ich durfte lernen, meinen europäischen Hochmut in Demut und Dankbarkeit zu verwandeln und mich nicht länger als Individuum so unheimlich wichtig zu nehmen. Marokko hat mich Gemeinschaft gelernt und dass wir alle gleich sind.

Marokko lehrt mich auch – in all seiner Gelassenheit – meine Zeit mehr wertzuschätzen und dass weniger mehr ist.

Es ist nicht alles gut in Marokko… es gibt zahlreiche Schattenseiten, die einem jedoch wiederum zeigen, dass man Vertrauen lernen kann und wählen darf, wohin der Fokus geht und wohin ich meine Energie geben möchte…. Alles ist schließlich eine Sichtweise… auch das habe ich hier lernen dürfen.

Heute, zwei Jahre später, sitze ich auf dem Dach meines Riads und blicke auf den schneebedeckten hohen Atlas. Ich habe Gäste bei mir zu Hause und genieße es sehr, Gastgeberin zu sein. Es ist ruhig geworden in mir. Die inneren Prozess der letzten zwei Jahre waren kein Spaziergang….

So intensiv das Glück, so intensiv war die innere Arbeit und das Reflektieren des Inneren in Bezug auf äußere Geschehnisse. Ich habe mich in dieser Zeit entschieden, die innere Freiheit zu meiner ersten Priorität zu machen. Es ist meine Ausrichtung, mein Fokus, meine Wahl. Diese Freiheit fand ich jedoch außerhalb der Komfortzone und am anderen Ende von Sicherheit. Für mich ist sie goldwert. Danke Marokko.

 

 

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