Retreat

Retreat war wohl mein meistbenutztes Wort in den letzten zwei Jahren. Es bedeutet sich rückzuziehen, eine Auszeit zu nehmen, sich zu besinnen auf das Wesentliche und sich wieder zu erinnern an das Eigene und zu spüren was noch wahr für uns ist.
Nun sind die meisten von uns auf Retreat. Entschleunigung. Verschnaufpause. Rückbesinnung. (Fast) die ganze Welt wurde somit auf Retreat geschickt.
 
Auch ich bin zu meinem persönlichen Stille Retreat in der Tiroler Heimat gelandet. Ich war für ein paar Tage bei einem Foundation Kurs in Kärnten, während denen Marokko’s Grenzen zumachten und mein Rückflug gestrichen wurde. Ich sehe es als wunderbare Fügung, die mir in bereits sehr kurzer Zeit so viel Unbezahlbares geschenkt hat….mehr dazu im aktuellen Podcast.
 
Ich erlebe die aktuelle Zeit als sonderbar ruhig, still und freudvoll und blicke dem Ganzen mit sehr viel Zuversicht auf unendlich viele neue Möglichkeiten entgegen. Der von vielen Menschen lang ersehnte Wandel ist in vollem Gange und es liegt eine nie dagewesene Energie von frischem Wind und sich entfalten wollendem Potential in der Luft. Wenn wir aufspringen auf diese Welle des Erneuerns und Unkreierens von allem bisher Dagewesenen, können wir über das hinauskreieren was uns als scheinbare Realität serviert wird.

Vom gedachten Leben verabschieden

Wir haben eine Vorstellung davon wie unser Leben zu sein hat und nicht zu sein hat. Wir stellen es uns vor. Weicht die Realität von diesem Ideal ab, sind wir enttäuscht und leiden. Wir erleiden genau genommen unsere Vorstellungen. Hätten wir keine Vorstellung davon wie etwas zu sein hat, wäre die Realität meist gar nicht so düster, wie es durch den Filter unseres ‚erdachten Lebens‘ ausschaut.

Was wäre, wenn wir uns frei machen von jeglichen Ansichten über uns selbst und unser Leben und wir erlauben, dass sich entfalten darf, was sich entfalten möchte?

Wärst du bereit, dich frei zu machen von jeglichen Vorstellungen wie dein Leben auszuschauen hat und bereit stattdessen Schritt für Schritt zu entdecken, was jeweils für dich dran ist?

Uns freizumachen von jeglichen Erwartungen an unser Leben und auch an andere, bringt maximale Freiheit und gibt gar keinen Raum mehr für Enttäuschungen.

Zu simpel? Die Umsetzung muss nicht schwer sein, es bedarf nur die richtigen Fragen zu stellen…. Wo und was erwartest du noch vom Leben oder jemandem, dass wenn du es nicht tun würdest, du frei wärst von allem und jedem? Welche konkreten Vorstellungen hast du noch vom Leben, dass wenn du sie nicht hättest, du empfangen könntest, was wahrhaft zu dir möchte?

Das Fragenstellen geht weiter… man kommt hier individuell immer tiefer in das Eigene hinein… Welche Frage kannst DU stellen, die DICH frei macht?
Erwarte keine Antworten, sondern vertraue darauf, dass sie kommen…. auf den verschiedensten Wegen.

Wenn wir Fragen stellen, anstatt Feststellungen über unser Leben zu machen, öffnen sich Tore und Wege, die der limitierte Verstand gar nicht hätte erfassen können. Das ‚gedachte Leben‘ ist somit ein sehr kleiner Ausschnitt von dem was tatsächlich für uns möglich ist.
Bist du bereit alles und noch mehr von dir zu empfangen anstatt nur das was deinen Vorstellungen entspringt?

Wenn wir bereit sind, all unser erdachtes Leben beiseite zu legen…. ja so wie eine Kiste abzustellen, können wir leichten Weges voranschreiten. Un-vor-eingenommen. Un-be-schwer-t können wir dann gehen und sehen und spüren und tun. Wie wäre das?

Auf der Spur bleiben

In der eigenen Spur zu bleiben ist dann besonders herausfordernd, wenn wir großen Veränderungen ausgesetzt sind. Hier wird innere Festigkeit zur wichtigsten Qualität. Haben wir sie nicht, sind wir leicht aus der Bahn zu werfen… wir laufen dann Gefahr uns vom eigenen Weg abbringen zu lassen. Zu stark sind die Konditionierungen und Prägungen, die wir zu unseren eigenen gemacht haben und zu tief hat sich Pflichtbewusstsein und Solidarität mit den uns nächsten Menschen verankert.

Meine Erfahrung ist, dass wir wachsen, während wir uns den Herausforderungen stellen und nicht erst losgehen sollten, wenn wir uns hundert Prozent in uns stabil fühlen. Darauf zu warten, wäre sinnlos, wenn wir den nächsten Schritt bereits klar in uns fühlen können. Wir wachsen und ent-wickeln uns im Gehen, wir werden stark im Vollziehen nicht im Abwarten auf das Starksein.

Genau hier fordert uns das Leben heraus. An dem Punkt wo wir eine Entscheidung getroffen haben und es darum geht, loszugehen, werden wir nochmal auf Herz und Nieren geprüft. Hier bei sich zu bleiben, ist vielmehr eine Entscheidung als ein kompliziertes Unterfangen. Den Gegenwind wehen zu lassen, anstatt sich davon beeindrucken zu lassen, ist eine sehr entspannte Haltung, die wir hier einnehmen dürfen. Nicht dagegen zu halten, sondern bei sich bleibend zu beobachten, bringt sehr viel Mühelosigkeit und Leichtigkeit mit sich.

Das ist der Weg…. der sich fortgehend Schritt für Schritt entfalten darf.

Schließlich wird es zu etwas natürlichem, den eigenen Weg zu gehen, wir müssen dann nicht mehr darüber nachdenken, sondern wir folgen einfach dem, was Moment für Moment für uns spürbar ist. Die eigene Wahrheit hat dann nämlich an erster Priorität gewonnen… und dabei ist es nicht notwendig irgendetwas zu vertreten oder zu verteidigen, vielmehr werden wir zur eigenen Wahrheit… wir verkörpern sie, wir sind sie…. natürlich, klar und kraftvoll anstatt rebellisch und überzeugenwollend.

Und was wäre, wenn wir anerkennen, dass es das natürlichste ist, dem zu folgen was wir selbst spüren, und alles andere unnatürlich und konditioniert. Was wäre wenn wir uns erlauben, abzulegen, was wir glaubten zu sein und lernten sein zu müssen und endlich sind was wir sind und gemeint sind zu sein?

Diebe, Befreiung und das Aufgeben aus Notwendigkeit

Mein äußeres Leben ist gerade lebendiger als je zuvor. Unser neues Motorbike wurde uns vor der Haustüre gestohlen, ein Taschendieb will mir im Vorbeifahren meine Tasche wegreißen und ein lang ersehntes Ziel ist endgültig reif es zu verabschieden, anstatt länger daran festzuhalten.

Es erstaunt mich trotz alle dem wie ruhig und gelassen ich innerlich bin, während das äußere Leben passiert.  Seit langem wusste ich, dass äußeres Erleben nicht glücklich macht, wenn man den Frieden nicht in sich hat. Doch erstmals erfahre ich diese Stille in mir als anhaltend, während im Außen allerhand los ist. Ich bin nunmehr Beobachter des Geschehens anstatt länger aufzuspringen auf die äußeren Ereignisse und mich von ihnen aus der Ruhe bringen zu lassen. Denn das Äußere hört nach meiner Erfahrung nicht auf zu passieren. Das Leben ist und bleibt dynamisch.

So fällt es mir auch erstaunlich leicht, ein lang gehegtes Ziel, das mir viel Zeit und Energie gekostet hat, an dieser Stelle aufzugeben. Ich belasse es. Ich erkenne, dass es meinem Leben nicht länger beiträgt hier festzuhalten oder noch mehr Energie zu investieren. Und ich atme auf. Es fühlt sich leicht an, dieses Ziel nicht länger in meinem Leben zu haben. Es öffnet unglaublich viel Raum. Es wird weit und sehr still in mir. Was für eine Freiheit es doch ist, an nichts und niemandem mehr zu hängen oder sich beweisen zu wollen.

Befreit habe ich mich selbst, nicht irgendjemand. Indem ich mir erlaubt habe, es zu belassen wie und was es ist. Und so breite ich mich aus in diesem neu gewonnenen Raum und der neu gewonnenen Zeit, die mich neues schaffen und kreieren lässt. Ich kann jeden nur ermutigen, sich zu erlauben immer wieder neu zu wählen. Denn was gestern gültig war, muss es heute nicht mehr sein.

Wir sind leider konditioniert darauf die Dinge ‚durchzuziehen‘, koste es was es wolle. Ich habe jedoch erstmals die Erfahrung gemacht, dass ‚Aufgeben‘ mir eine unglaubliche Befreiung bringt und mir weitaus mehr Möglichkeiten bietet als das Dranbleiben um jeden Preis. So habe ich mir selbst das größte Geschenk gemacht, indem ich mir erlaubt habe eine neue Wahl zu treffen… das Altgeglaubte aufgegeben habe um gleichzeitig dem Neuen Platz zu machen…. und was ist hier jetzt noch alles möglich… ich bin jedenfalls voller neugieriger Vorfreude.

Rachid

Gerade zurück aus Tunesien, hat mich Marrakesch wieder einmal mit all seiner Intensität überwältigt. Die Energie hier ist kontinuierlich vibrierend, lebendig und intensiv. Im Moment kommt dieser Schwingung noch die Hitze hinzu, was es gefühlt noch mal verdoppelt. Die Gerüche sind stärker, die Menschen hitzegereizter und die Luft zum Atmen dünner.

Ich fühlte mich also den Umständen entsprechend etwas strapaziert dieser Tage… und immer dann, wenn Marrakesch’s Intensität gefühlt am Höhepunkt ist, scheint etwas zu kippen…es ist dann, als ob mich etwas bricht.

Meine Strapaziertheit, meine europäische Arroganz den Einheimischen gegenüber, mein überaktiver Denkapparat und das gedankliche Vorauseilen hört dann mit einem Mal auf.

Was mich bricht…. ist die Demut in den Begegnungen.

So traf ich gestern auf Rachid. Ich suchte einen Schuhkleber, weil sich die Sohle von den neuen tunesischen 😉 Sandalen löste. Schuhkleber, also Menschen die Schuhe kleben, gibt es hier eine ganze Menge. Ich fragte mich durch und wurde zu Rachid weitergeleitet.

Ich sitze an seinem Stand und warte während er die Schuhe klebt. In den zehn Minuten, die ich da sitze, kommen etwa sieben Menschen vorbei, die sich alle einen Dirham (10 Cent) bei ihm abholen. Jeder einzelne grüßt ihn lediglich mit einem ‚Salam Aleikum‘ und erhält sofort eine Münze zugesteckt. Er schaut die Menschen nicht an… er klebt weiter an den Sandalen und händigt zwischendrin die Münzen aus.

Ich lasse mich aufklären, und erfahre, dass er das jeden Freitag so betreibt. Egal wer ihn bittet… jeder erhält eine Münze. Freitag ist der heilige Tag der Woche und Teilen und Spenden ist ein wichtiger Bestandteil der Religion und Kultur.

Er bietet auch mir ein Glas Tee an und will am Ende keinen Preis für das Schuhe kleben nennen, sondern meint, ich soll ihm geben, was ich ihm geben will.

Rachid hat mir an diesem Tag sehr viel gelernt. Für ihn steht das Dienen an erster Stelle. Er gibt bedingungslos im Wissen und im Vertrauen, dass für ihn gesorgt ist. Er weiß, dass der Reichtum im Geben liegt und dass alles und noch mehr zu ihm zurückkommt, wenn er teilt was er hat.

Er hat durch sein Sein und Wirken mein Denken erfolgreich gebrochen. In meiner Kultur ist es essentiell zu wissen, was man für seinen Einsatz kriegt, was uns etwas bringt oder eben nicht bringt. Wir berechnen es insgeheim, wenn wir einen Gefallen tun oder glauben umgekehrt, wir sind jemandem etwas schuldig, wenn er uns einen Gefallen tut.

Was wäre, wenn wir anfangen zu vertrauen, dass wir versorgt sind und uns nicht länger quälen mit strengem Kalkulieren…. und damit meine ich nicht nur Geld. Was wäre, wenn wir anfangen uns zu entspannen, alle Strenge von uns nehmen und den Fokus auf die Freude im Tun legen, anstatt auf Bekommen- und Habenwollen?

Rachid wirkte auf mich er-füllt. Fülle folgt der Freude und dem Teilen. ‚Nichts gehört mir wirklich, es kommt alles von Gott.‘ lehrte mich erst kürzlich ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann. Ich glaube ihm und es schien mir, als ob diese Haltung ihn mehr empfangen lässt, als er es sich mit dem menschlichen Verstand hätte vorstellen können.

Teure Umwege

Es ist nun dran, das zu tun, was wir immer schon tun wollten. Kein Aufschieben. Keine Schleichwege. Keine Umwege. Kein ‚auf später Verschieben‘.

Ich bin gerade dabei mich von Kompromissen und Übergangslösungen zu trennen, jegliches auszumisten und mich zu minimieren auf meine Essenz.

Ich mache, was ich immer schon machen wollte. Ich erfülle mir Kindheitsträume, ich entferne das was ich nur halbherzig und nebenbei machte und fokussiere mich ausschließlich darauf, was ich leidenschaftlich gerne mache.

Für mich ist das das Schreiben. Schon als Kind liebte ich es, mir Notizbücher zu kaufen, auf einer alten Schreibmaschine zu tippen und unseren ersten PC stundenlang zu begutachten und auszuprobieren. Ich liebte Füllfedern, Kugelschreiber und Malfarben.

So bin ich in den letzten Monaten stetig in der Frage geblieben,… was will ich wirklich tun in diesem Leben? Wofür möchte ich meine Zeit hergeben? Was macht mich glücklich? So kam das Schreiben immer stärker zu mir… bis ich unaufhaltsam in einen Schreibrausch kam… Ich kaufte mir Notizbücher in allen möglichen Formaten und nahm meinen Laptop überall mithin. Ich schreibe nun in jeder freien Minute. Im Caféhaus, am Strand, im Bett, auf dem Boot, im Taxi.

Ich fühle, als würde es das einzige sein, das ich aufgerufen bin zu tun. Schreiben. Ich schreibe an Blogartikeln, an Gedichten, an einem Onlinekurs, an einem Buch, an meiner Website. Es ist als wäre es das natürlichste und als hätte es darauf gewartet, dass ich es endlich als das anerkenne.

Es ist einfach. Flüssig. Voller Freude.

Was daraus wird? Ich weiß es nicht. Ich folge nur diesem Impuls, der unaufhaltsam wie eine stürmische Welle über mich kam, mich auffordernd zu schreiben. Endlich zu schreiben. Das bedeutet für mich auch einiges zu verabschieden. Ich mag Veränderungen und ich scheue es nicht bei Null anzufangen.

Wenn ich zurückblicke, dann waren es ‚teure Umwege‘ die ich gemacht habe. Es ist als hätte ich mich des öfteren verlaufen. Nicht zu tun, was wir aufgefordert sind zu tun, kann uns teuer zu stehen kommen. Wenn wir nicht dem folgen, was uns ruft, dann versucht uns das Leben immer wieder umzuleiten…. oft indem es uns hinfallen lässt oder uns mit Schwierigkeiten konfrontiert. Sind wir hingegen auf der richtigen Spur, fühlt sich das leicht und fließend an.

Trotz alledem  glaube ich auch nicht, dass etwas umsonst ist im Leben. Ich glaube an die Richtigkeit in allem. So gesehen sind auch Umwege wertvolle Lehrmeister, uns stetig auffordernd in unser eigenes Gleis einzufahren.

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