Heimat ist…

„Home is not where you were born, it’s where you find yourself.“

(Daheim ist nicht wo du geboren wurdest, es ist wo du dich findest.)

Ich war jahrelang auf der Suche nach dem einen Ort, wo ich gerne leben möchte. Durch unzählige Reisen war ich inspiriert von unterschiedlichen Lebensformen und Möglichkeiten des Wohnens. Immer sehnte ich den Ort herbei, an dem ich zur Ruhe finden würde.

Auf Reisen wird man täglich gefragt, wo man ‚herkommt‘. Österreich antworte ich automatisch. Oft treffe ich Menschen, die wissen nicht, woher sie kommen. Sie haben ihre Wurzeln in Indien, waren selbst aber nie dort. Aufgewachsen sind sie in England, waren dann jahrelang in Japan, gerade zieht es sie aber nach Marokko. Wo ist dann ihre Heimat?

Mein Gefühl von Heimat ist nicht mehr an einen Ort gebunden. Den Ort, den ich jahrelang gesucht habe, finde ich nun in mir. Wenn ich mich rückverbinde mit meinem Innersten, fühle ich Geborgenheit, tiefe Freude und Glückseligkeit. Ich tauche ein in einen Zustand des Zuhause Seins und Heimkommens.

Hier bin ich so wie ich bin. Alle Identifikationen meines Verstandes schwinden… wer ich gerne sein möchte, wer ich früher war, was ich erlebt habe und was ich noch tun möchte…. woher ich komme und wo ich leben möchte…… es ist nicht mehr wichtig. Diese Fragen, die aus dem Ego kommen, verlieren völlig an Bedeutung, wenn man dieses Gefühl der Verbindung mit dem Innersten einmal gespürt hat.

Man kehrt immer wieder dorthin zurück. Heim. Nach Hause.

Der Ort an dem ich mich befinde ist insofern wichtig, als dass mich seine Energie fördert… in meinem Sein…und meiner Entfaltung daraus. Nicht aber als Identifikation mit dem was ich bin oder sein möchte.

Orte haben ihre Bedeutung für jeden von uns. Wo wir geboren wurden, wo wir leben, wohin wir reisen… jedoch… Heimat und damit Ruhe und Frieden finden wir nur in der Verbindung mit uns selbst. Alles andere ist vergänglich. Die innere Heimat hingegen bleibt bestehen als ureigenste Quelle der Freude und des Heimkommens.

Kehren wir heim. In uns. Namaste

Marokko

Heute vor einem Jahr bin ich erstmals in Marokko angekommen. Zufällig genau heute nehme ich die selbe Strecke von Casablanca  nach Marrakesch  -nur umgekehrt- und erinnere mich daran, wie ich mich damals bei dieser Zugfahrt in das Land verliebt habe.

In der Zwischenzeit war ich sechs Mal hier, immer jeweils für mehrere Wochen. Was ich hier erlebe, kann man nicht beschreiben, man muss es erleben. Ich fühle eine tiefe Dankbarkeit für dieses Land und seine Menschen. Jeden Tag werde ich vielseitig beschenkt. Marokko ist erdig, lebendig, echt und macht keine Kompromisse mit der Wahrheit. Das pure und reelle Leben ist an jeder Ecke zu finden…. Lachen, Weinen, Beten, Betteln, Geben, Nehmen, Streiten und Versöhnen…

Besonders Marrakesch versprüht einen Zauber dessen Geheimnisse man wohl nie ganz lüften wird…

Doch ist Marrakesch nicht nur Magie und Romantik, wie ich es beschreibe, im Gegenteil, es gibt mehr Herausforderungen, als wir sie jemals haben könnten. Aber zu sehen wie dankbar und herzlich die Menschen trotz allem sind und wie sehr sie an ihrem Glauben festhalten, inspiriert mich jeden Tag.
Al Hamdulillah … Gott sei Dank… ist hier eine Grundhaltung, wie auch immer die jeweilige Situation gerade ausschaut.

…und Marrakesch färbt ab… nicht nur in seiner Buntheit… sondern auch in seiner Energie. Man wird langsam, ruhig, gelassen, dankbar und vor allem demütig dem Leben gegenüber.

Nicht zufällig bin ich deshalb gerade auf dem Weg nach Lissabon zu einem Stille Retreat … um zu implementieren was Marrakesch in all seiner Wahrheit unverblümt in mir hochgebracht hat.

Ich liebe die Wahrhaftigkeit, die Marokko mich erfahren lässt und habe immer danach gestrebt sie zu leben, fern von Täuschung und Selbsttäuschung, mit allem was dazu gehört. Ich bin mehr denn je bereit dazu.

Al Hamdulillah 🙏                                  

Die Zeit ist jetzt. Sie ist reif.

Noch nie zuvor, war der Drang stärker als jetzt. Es wird laut um uns und in uns. Was bisher normal war, ist plötzlich nicht mehr zu vereinbaren. Es ruft uns immer lauter. Es ist der Drang nach Wahrheit. Der Drang das Leben zu leben, das wir spüren leben zu wollen….zu sollen…und zu müssen.

 

Die Zeit ist jetzt. Es gibt nun kein Aufschieben mehr. Jetzt gilt es zu tun, was wir immer schon tun wollten. Es gilt nun, die unvernünftigsten Träume zu verwirklichen. Vieles war in Vorbereitung in den letzten Jahren. Jetzt geht es um den entscheidenden Schritt. Keine Ausreden mehr, sondern tun, was zu tun ist.

 

Alles was nicht mehr (schon lange nicht mehr) unserer Wahrheit entspricht, fliegt. Ich spüre, dass es darum geht, mitzugehen mit dieser Bewegung. Die Veränderung anzunehmen. Sich dagegen zu wehren, würde uns jetzt zuviel Kraft kosten.

 

Was mich betrifft, steht vielleicht die größte Veränderung seit Jahren bevor. Ich bin dabei, alle Bereiche meines Lebens umzusortieren. In meinem Inneren hat sich durch das Reisen, die Begegnungen und durch das intensive Erfahren anderer Kulturen vieles verändert. So kann ich auch im Außen vieles nicht mehr aufrechthalten, das bisher ein normaler Teil meines Lebens war.

 

Das bedeutet konkret, dass ich auf unbestimmte Zeit aufbrechen werde. Der Sehnsucht meines Herzens folgend… möchte ich noch tiefer in mich eintauchen und zum gegebenen Zeitpunkt wieder auftauchen. Ich fühle eine starke Sehnsucht nach mir selbst.

 

Ich spüre eine Kraft in mir, die gelebt werden will…und die sich in meinem bisherigen Rahmen nicht zügeln lässt. Es ist die Sehnsucht nach Entfaltung und danach, das zu gebären, was schon da ist.

 

Die Zeit ist jetzt. Sie ist reif. Vielleicht ja auch für dich?

Marrakesch hat mich gebrochen

Ich bin seit gestern in Valencia und lasse einen Monat Marokko revue passieren. Noch etwas benommen von den vielen Eindrücken, spüre ich ganz klar, ich muss das jetzt erstmal verarbeiten.

Wie meistens, kam alles anders als geplant. Ich hatte mir vorgenommen, für meine Masterarbeit zu recherchieren, Interviews zu machen, eine Gruppenreise für den Frühling zu organisieren…an meinem Buch weiterzuschreiben…

Was stattdessen passierte…

…Marokko hat mir den Wind aus den Segeln genommen.

Das ständige Vorwärtstreiben, das disziplinierte Abarbeiten von To-Do- Listen, das Multitasking und das ‚in kurzer Zeit viel schaffen wollen‘…funktionierte in Marrakech nicht. Ich musste meinen Turbo von 100 auf 10 % drosseln…

…und letztlich lernen, mich hinzugeben….Mitzugehen mit dem Treiben und den Energien des Landes….Marrakesch und seine Menschen lassen einem gar keine andere Wahl…

So habe ich mich (nach größeren Widerständen) geöffnet für diesen Prozess…hab‘ mich an die Hand nehmen lassen von etwas Größerem…das mich hingeführt hat in weibliche Qualitäten….Vertrauen, Loslassen, Hingabe, Öffnung, Führen lassen, Akzeptieren und das Tolerieren anderer Lebenswelten.

Man könnte sagen, Marrakesch hat mich gebrochen. Strenge ist der Sanftheit gewichen. Meine ‚Mit dem Kopf durch die Wand – Mentalität‘ hatte keine Chance zu bestehen.

Ich darf erst sehen, wie sich das im Alltag zeigt und ob mich meine verinnerlichte Langsamkeit zu Hause fördert oder hindert…

Jedenfalls hat ‚Zeit‘ eine neue Bedeutung gewonnen. Es geht nun vielmehr darum, alles nach der Reihe zu machen und dabei ganz bei einer Sache zu bleiben. ‚Viel‘ und ‚schnell‘ und ‚gleichzeitig‘ habe ich verabschiedet…

‚Ganz da zu sein‘ gibt meiner Zeit eine wahrlich neue Qualität und meiner Lebenszeit eine neue Bedeutung.

Wie ich mit Bettlern umgehe

Ich stehe am Früchtestand und warte auf meinen frischgepressten Jus d’Orange. Ich weiß, es wird nicht lange dauern, dann kommen Bettler, die um ein paar Münzen bitten oder Kinder, die Tempos verkaufen wollen.

Ich kenne den Ablauf und überlege jeden Tag aufs Neue, wie man am besten damit umgeht.

Ich beobachte das Geschehen um mich herum: die Schlangenbeschwörer mit ihren Trommeln. Die Männer, die kleine Affen in Pampers auf ihren Schultern tragen und für ein paar Münzen ein Foto anbieten.

Die Handleserinnen, denen ich niemals trauen würde und die Henna – Malerinnen, die die Touristinnen jagen, als wären sie Wild, das erlegt werden müsse.

Dann ist es soweit: wie erwartet, zieht das erste Kind an meinem Rockzipfel…ich schaue nach unten…ein etwa 3-Jähriger mit großen, dunklen Augen und schwarzen Locken schaut mich an und will Juice. Die Mutter steht hinter mir. Ich frage sie, ob ich ihm Juice geben darf…nein, lieber Münzen für Essen, sagt sie. Ich gebe ihr welche und höre das Kind weinen, weil es keinen Juice bekam…..ich ärgere mich, dass ich ihm nicht einfach einen Saft bestellt habe.

Am nächsten Tag dieselbe Situation mit einem älteren Jungen….er will keine Münzen, er fragt gleich nach Juice. Ich freue mich und bestelle für uns beide. Wir trinken den Saft zusammen, schauen auf das Getümmel am Platz und machen noch ein Foto. Zum Abschied lacht er mich an.

Ich will langsam gehen, höre ich von hinten jemanden ‚Ananas‘ rufen. Etwa zwei Minuten lang…..Ananas, Ananas….ich dreh mich um, lacht mich ein großer, fülliger Mann mit Dreadlocks an….er sieht aus wie ein Jamaikaner…..und er will eine Ananas…und zwar von mir.

Ich muss lachen. Er wird um die 50 sein….doch offensichtlich ruft das Kind in ihm nach dieser Ananas.

Ich kaufe sie ihm.

Es ist 2 Uhr morgens. Ich bin auf dem Weg heim. Freunde begleiten mich, weil es alleine zu gefährlich wäre. Wir sehen eine alte Frau, die um Geld bettelt. Wie schon zwanzig Mal zuvor an diesem Tag und dieser Situation sage ich ‚I’m sorry‘ und gehe weiter. Dann drehe ich mich nochmal um…und fühle plötzlich das Leid dieser Frau und wie entwürdigend es sein muss, in ihrem Alter junge Touristen anzubetteln, die sie mit ‚I’m sorry‘ abfertigen. Ich gehe zurück und gebe ihr ein paar Münzen.

Vielleicht auch um das eigene Gewissen zu beruhigen.

Immer war ich ratlos bei der Frage, wie man mit dem Betteln umgeht. Nicht nur in Marokko, auch in Wien oder anderen Städten…

Heute entscheide ich nach Gefühl. Es gibt kein ‚Schema F‘. Ich kann nicht pauschal sage: ich gebe nichts, damit es für die Leute ja nicht zum Geschäft wird. Ich kann aber auch nicht jedem etwas geben, um mich selbst besser zu fühlen bzw. aus Mitleid heraus.

Es geht hier um das Zwischenmenschliche, so wie in jeder anderen Beziehung auch. Wir können nicht sagen, ‚geht mich alles nichts an‘. Wir können aber auch nicht die Welt retten.

Ich höre auf meine Intuition und überlege nicht, wer ist der Bedürftigste…und was macht er wohl mit dem Geld….ich gebe, wenn es sich richtig anfühlt.

Oft kommt es auch auf die Situation drauf an…und auf die Art und Weise des Fragenden…wie immer, wenn man um etwas gebeten wird…denn das Betteln ist nichts anderes…als eine Bitte.

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Diese Menschen vergesse ich nie

Ich bin zurück in Marrakesch. Es hat 45 Grad. In Essaouira waren es 27. Mein Wohlbefinden ist erstmals aus dem Gleichgewicht. Ich schwitze komischerweise nicht. Nur der Kreislauf und Kopfschmerzen plagen mich.

Fast wie in Trance gehe ich die Gassen entlang…lacht mich ein alter Mann ohne Zähne an und fragt mit Handzeichen, ob ich auf die Ladefläche seines Eselgefährts aufsitzen will. ‚Shukran‘ höre ich mich sagen und schon sitze ich auf dem Eseltaxi.

Er müsse zum Djemma el Fna, zum Gauklerplatz, erklärt er mir auf Arabisch…da muss ich auch hin, sag‘ ich auf englisch….wir verstehen uns…

Die Händler in den Souks lachen uns an, alle kennen den Mann und sahen ihn wohl noch nie mit diesem Frachtgut auf der Eselkutsche. Am ‚Big Square‘ findet die halbstündige Fahrt ihr Ende. Ich will dem Mann ein paar Münzen geben, die er nicht nehmen will…erst nach langem hin und her, nimmt er sie an. Ich verabschiede mich dankend und ziehe demütig weiter…

In Essaouira traf ich einen jungen Burschen in traditioneller Wüstenkleidung wieder, den ich im April in Marrakesch in einem Café traf. ‚The world is a village‘ sagt er beim zufälligen Wiedersehen. Damals erzählte er mir, er käme direkt aus der Wüste, hat die letzten vier Monate mit Kamelen verbracht, die er übrigens Barack Obama, Lady Gaga und Shakira getauft hat. Außerdem bietet er ‚Couchsurfing‘ in der Wüste an…..Diese Art von Humor ist in Marokko weit verbreitet…. Er zieht von Stadt zu Stadt, um vielleicht ein Business zu ergattern….

Bis bald, sagt er zum Abschied. Für ihn ist klar, dass man sich wiedersieht.

 Ich sitze auf einer Parkbank am Hafen. Eine Mutter und ihr Kind mit Down-Syndrom setzen sich neben mich. Wir lachen uns an. Der Junge geht zu anderen Kindern hin, die gerade Eis essen…Er will auch eines. Der Vater dieser Familie gibt ihm eine Münze für ein Eis. Er strahlt übers ganze Gesicht. Die Mutter auch. Sie hätte ihm wohl kein Eis kaufen können. Ich verabschiede mich. Nach längerer Zeit höre ich den Jungen, wie er mir auf Arabisch zu ruft: ‚Fi Amanillah‘….was in etwa bedeutet: Gott schütze dich….

 Ich dreh‘ mich nochmal um, wir lächeln uns zu. Ich habe Gänsehaut am ganzen Körper.

All‘ diese Begegnungen verändern. Sie machen demütig und lassen erkennen, worum es eigentlich geht…. wir glauben, Geld ist der erste Gedanke, wenn diese Menschen einen Touristen sehen….dem ist nicht so….wenn wir anfangen, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und aufhören, sie auf Abstand zu halten, vorlauter Angst hintergangen zu werden.